Gustav Wahl

Direktor der Bibliothek 1918 - 1942

Foto: SUB HH

Gustav Wahl (1877–1947)

Sozialisiert im kaiserlich-preußischen Berlin, war Wahl ein Beamter, der auf strikte Pflichterfüllung achtete und eine nationalkonservative Haltung vertrat; bis 1931 war er Mitglied der Deutschen Volkspartei. Der Machtübernahme der Nationalsozialisten stand er, Gunnar Zimmermann zufolge, durchaus positiv gegenüber: „Wahl war kein Nationalsozialist der ersten Stunde. Wie viele seiner akademischen Berufsgenossen hatte er sich aber gegenüber der Weimarer Demokratie stets ein tiefes Misstrauen bewahrt, was ihn den Umbruch 1933 gutheißen ließ.“[1]

Begünstigt wurde diese Haltung durch den Umstand, dass Wahls thematische Interessen, die sich in bestimmten, z.T. sehr zeittypischen Sammelschwerpunkten der SUB manifestierten, eine beachtliche Schnittmenge mit den Werten und Zielen des Nationalsozialismus aufwiesen. Nach der Lockerung der Aufnahmesperre im Frühjahr 1937 stellte er den Antrag zur Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 6.7.1938 NSDAP-Mitglied. Inwieweit Gustav Wahl auch persönlich von den Zielen und Idealen des Nationalsozialismus überzeugt war, lässt sich allein aus dem bisher ausgewerteten Aktenmaterial nicht eindeutig belegen. Dennoch ist es auffällig, mit welcher Bereitwilligkeit Wahl den Vorgaben und Anfragen übergeordneter (Partei-)Stellen nicht nur reagierend entsprach, sondern auch selbst aktiv und quasi in vorauseilendem Gehorsam ganz im Sinne der Parteilinie agierte.

Wiederholt betonte Wahl gegenüber den übergeordneten Behörden sein eigenes regimekonformes Handeln und seine guten Kontakte zu potentiell einflussreichen Persönlichkeiten des NS-Regimes: etwa zu SS-General Rudolf Querner, dessen Tochter ein Praktikum in der Bibliothek absolvierte, zu Reichsjugendführer Baldur von Schirach, zu Hans-Wolfgang Ebeling vom Amt für Schrifttumspflege und vor allem zu Hamburgs Bürgermeister Carl Vincent Krogmann und Gauleiter Karl Kaufmann. Wahls Bestreben mag dabei gewesen sein, die Existenz der SUB zu legitimieren und sich die Unterstützung der Träger auch für die Zukunft zu sichern – durchaus mit Erfolg.

Insofern ist Hermann Tiemanns posthume Würdigung Wahls als eines Mannes, in dem „die Erfordernisse der Zeit die geeignete Kraft gefunden haben“[2] mit Blick auf seine Erfolge als Bibliotheksdirektor durchaus zutreffend - auch wenn diese Erfolge aus heutiger Perspektive und im Bewusstsein um die Art der „Erfordernisse der Zeit“ einen mehr als schalen Beigeschmack haben.

Gustav Wahl ging krankheitsbedingt zum 1. Januar 1943 in Pension und verstarb am 12. April 1947 in Hamburg.

[1] Zimmermann, Gunnar B.: „Die Verpflichtung zum Dienst an der Volksgemeinschaft tritt immer mehr ins Bewusstsein“ Die Ausstellungspraxis der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg im Nationalsozialismus. In: Auskunft, Zeitschrift für Bibliothek, Archiv und Information in Norddeutschland, 31. Jg. Heft 1, S. 53-72.
[2] Tiemann, Hermann: Gustav Wahl zum Gedächtnis, 1947. In: ZfB 1947, Heft 3/4, S. 103-107.

Heinrich Reincke

Direktor der Bibliothek 1943 -1945

Foto: Staatsarchiv HH 720-1215=Re 55

Heinrich Reincke (1881–1960)

Wie Gustav Wahl trat auch Reincke der NSDAP nach der Lockerung der Aufnahmesperre im Jahr 1937 bei. Doch bereits für die Zeit unmittelbar nach der Machtübernahme lässt sich an seinen Veröffentlichungen eine deutliche Übernahme nationalsozialistischer Positionen in Terminologie und Argumentation ablesen, so etwa in der im Sinne der NS-Ideologie überarbeiteten Neufassung seiner zuerst 1925 herausgegebenen Hamburger Stadtgeschichte, die 1933 mit einem Vorwort von Bürgermeister Carl Vincent Krogmann erschien.[3]

Als Leiter des Hamburger Staatsarchivs, der zusätzlich ab dem 1. März 1943 die kommissarische Leitung der SUB übernahm, galt auch Reinckes vorrangiges Interesse der Existenzsicherung dieser beiden Institutionen bzw. im Falle der zerstörten Bibliothek ihrem „Wiederaufbau“.

Die erhaltene Korrespondenz zeigt, dass Reincke genau wie Gustav Wahl die vorwiegend über die Gestapo an die SUB vermittelten geraubten Bücher enteigneter, geflohener oder ermordeter NS-Verfolgter als ganz normale, reguläre und der Bibliothek legitim zustehende Zugänge verstand.

Dieses Verständnis wird deutlich in einem ersten Bericht Reinckes an seinen Amtsvorgänger Wahl über die „Wiederbeschaffung“ verbrannter Literatur, in dem neben anderen Geschenk- und Kaufzugängen ganz selbstverständlich auch „ca. 30.000 Bände aus Judenbibliotheken“ [4] aufgeführt werden. Es tritt auch zutage in einem Briefwechsel Reinckes mit dem Leiter der Orientalischen Abteilung der Universität Hamburg, Arthur Schaade, in dem zum einen eine ‚Kooperation‘ des Universitätsinstituts mit der Bibliothek, zum anderen aber auch ihre potentielle Konkurrenzsituation bei der Übernahme von NS-Raubgut thematisiert wird.

[3] Vgl. Reincke, Heinrich (Hrsg.): Hamburg einst und jetzt. Hamburg : Meißner, [1933].
[4] SUB HH 53 Tausch / Dublettentausch 53.1943-48 / 27.10.1943.

Willy Lüdtke (1875–1945)

1919–1945: Fachreferent für Orientalistik, Theologie u. christliche Archäologie an der SUB Hamburg, u.a. aufgrund seiner Hebräisch-Kenntnisse zuständig für die Auswahl und Einarbeitung der von der Gestapo als Geschenk angebotenen Judaica und Hebraica

Hildegard Bonde (1901–1992)

1928–1963: Germanistin; als Bibliotheksrätin an der SUB Hamburg, zuständig für Kontaktpflege mit der Reichstauschstelle und dem Beschaffungsamt in Berlin

Christian Voigt (1898–1980)

1929–1964: Altphilologe; u.a. als Erwerbungsleiter an der SUB tätig, setzte sich 1943 explizit für die Erwerbung einer von der Gestapo Köln beschlagnahmten katholischen Ordensbibliothek ein